25 Thesen

  1. Menschen brauchen Informationen.
  2. Noch viel wichtiger ist die Verfügbarkeit der passenden Information zum richtigen Zeitpunkt.
  3. Ohne menschliche Einflussnahme löst sich die Information in Unordnung und Chaos auf.
  4. Das Internet hat unseren Umgang mit Informationen verändert. Es hat allgegenwärtig gemacht, was vormals selten war: gemeinschaftlich genutzte Informationsumgebungen.
  5. Informationen relevant und zeitnah verfügbar zu gestalten, verlangt nach spezialisierter menschlicher Tätigkeit. Diese Aufgabe für eine weltweit gemeinschaftlich genutzte Umgebung zu übernehmen, die selbst aus Informationen aufgebaut ist, ist eine vergleichsweise neue Spezialisierung.
  6. Diese Arbeit ist sowohl eine Wissenschaft als auch eine Kunst.
  7. All dies ist ein architektonischer Akt: Die Umwandlung von Rohinformationen durch Strukturierung in gemeinschaftlich genutzte Informationsumgebungen in einer nützlichen und navigierbaren Form, die der Unordnung entgegenwirkt und Verwirrungspotenzial reduziert.
  8. Dies ist eine neue Art der Architektur, die Strukturen aus Informationen anstatt aus Ziegeln, Holz, Plastik und Stein errichtet.
  9. Menschen leben und arbeiten in diesen Strukturen, genauso wie sie in ihren Häusern, Büros, Fabriken und Einkaufszentren leben und arbeiten. Diese Orte sind nicht virtuell: Sie sind so real wie der menschliche Geist.
  10. Viele Leute verbringen den Großteil ihres Tages in diesen Räumen. Da sich die Anzahl körperlich Arbeitender verringert und gleichzeitig die Anzahl der Wissensarbeiter steigt, werden immer mehr Menschen immer länger in diesen Umgebungen leben, arbeiten, sich austauschen, zusammenarbeiten, lernen und spielen.
  11. Der Informationsüberfluss hat sich nicht nur als feste Größe etabliert, er nimmt auch tagtäglich zu. Unaufhaltsam erstickt die Information in ihrer eigenen Masse. Sie muss atmen können, und die Luft, die sie benötigt, ist Relevanz.
  12. Ein Ziel der Informationsarchitektur ist es, Informationen zu einer Umgebung zu formen, die den Anwendern ermöglicht, die Substanz eben dieser Umgebung im Rahmen einer semantischen Relevanz zu erschaffen, zu managen und zu teilen.
  13. Ein weiteres Ziel der Informationsarchitektur ist die Gestaltung einer Umgebung, die Anwender besser kommunizieren, zusammenarbeiten und sich gegenseitig kennen lernen lässt.
  14. Das letzte Ziel ist grundsätzlicher als das erste: Information existiert nur in Bedeutungsgemeinschaften. Ohne andere Menschen verliert die Information ihren Kontext und damit ihren Informationscharakter. Sie wird zu reinem Datenstaub.
  15. Deshalb beschäftigt sich die Informationsarchitektur zuerst mit den Menschen, und dann erst mit der Technologie.
  16. Alle Menschen haben ein Recht darauf zu wissen, wo sie sich befinden, wohin sie unterwegs sind und wo sie Benötigtes bekommen können. Intuitiv suchen Menschen die Orte auf, die diese entscheidenden Bedürfnisse zu erfüllen imstande sind. Umgebungen, die diese natürliche Gesetzmäßigkeit missachten, ziehen weniger Menschen an und können sie auch auf Dauer schlechter halten.
  17. Die Benutzeroberfläche ist das Fenster zur Information. Sogar die gelungenste Benutzeroberfläche ist nur so gut wie die Informationsstruktur dahinter. (Der Umkehrschluss trifft ebenso zu: Auch die noch so verständlich geformte Informationsstruktur ist nur so gut wie die Benutzeroberfläche. Aus diesem Grund bedingen sich das Design der Nutzeroberfläche und die Infomationsarchitektur gegenseitig.)
  18. So wie die Kopernikus-Revolution das Paradigma über die Astronomie hinaus verändert hat, hat das Internet unser Paradigma über die Technologie hinaus verändert. Heutzutage erwarten wir, dass alle Informationsumgebungen genauso zugänglich, unmittelbar und vollständig sind.
  19. Nur weil die Informationsarchitektur gegenwärtig hauptsächlich im Internet Anwendung findet, muss das zukünftig nicht unbedingt der Fall sein.
  20. Die Informationsarchitektur erreicht ihre Ziele mit den Tools, die jeweils für nötig befunden werden.
  21. Diese Tools werden von vielen Leuten entworfen, Informationswissenschaftler, Künstler, Bibliothekare, Designer, Anthropologen, Architekten, Schriftsteller, Ingenieure, Programmierer und Philosophen eingeschlossen. Sie alle haben unterschiedliche Sichtweisen, und sie alle fügen dem Eintopf Würze hinzu. Sie alle sind notwendig.
  22. Diese Tools sind in vielen Formen und Methoden vorhanden, kontrollierte Vokabulare, Mental Modeling, Brainstorming, Ethnographie, Thesauri, HCI und andere eingeschlossen. Einige sind bereits sehr alt, andere hingegen brandneu. Der Großteil muss erst noch erfunden werden.
  23. Die Informationsarchitektur erkennt an, dass dieses Verfahren weit über einzelne Methodiken, Tools oder Sichtweisen hinausgeht.
  24. Informationsarchitektur ist zuerst ein Vorgang, dann ein Verfahren und zuletzt eine Disziplin.
  25. Praxiserfahrungen untereinander auszutauschen lässt die Disziplin reifen.

Andrew Hinton (memekitchen)

„Die Entstehung der Informationsarchitektur (IA) als formale Disziplin hat zu einer Zusammenführung von Kernkompetenzen geführt, die einen Rahmen für eine sinnvolle Entwicklung inhaltsreicher Sites schafft. IA sorgt für den Klebstoff zwischen Inhalten und Funktionalität, die die Bedürfnisse der Anwender so zusammen befriedigen, und für die nötige Struktur, um Erfolgsmessung diesbezüglich durchzuführen. Ohne IA würden Anwender wie auch Entwickler informationsintensiver Applikationen Ressourcen, Zeit und Mühen vergeuden; schlimmer noch, sie wissen nicht, wo sie anfangen sollten, um es beim nächsten Mal besser zu machen.“


— Michael Crandall, Gates Foundation